New Work - Neue Arbeitswelten

Wer bin ich, wenn ich arbeite?

Arbeit befindet sich im Umbruch. Und damit ist nicht nur Home-Office gemeint, Videokonferenzen oder der Einsatz von Organisationstools wie „Slack“. Der Wandel ist viel grundlegender. Arbeit wird anders gedacht, ihre Rolle in der Gesellschaft und im persönlichen Lebensweg ändert sich. Und das hat Einfluss auf Identitäten und Strukturen sozialer Anerkennung. Wie bei anderen Transformationen gilt auch hier: Es gibt Gewinner und Verlierer des Wandels.

New Work – Was ist das eigentlich?

Beim ersten Nachdenken hat man schnell eine Liste im Kopf: flache Hierarchien, Design Thinking, Startup-Kultur, agiles Arbeiten… das sind mögliche Schlagworte. In diesem Wald aus Begriffen ist es oft schwer, das Wesentliche zu sehen. Am besten können wir das Phänomen „New Work“ verstehen, indem wir die dahinterliegenden Versprechen und Werte aufdecken: Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung werden zentraler, ebenso Sinn und Gemeinschaft. Es geht nicht mehr bloß darum, typische Karrierestufen entlang fester Strukturen zu gehen – also standardisierte Funktionen auszufüllen. Stattdessen möchten sich Menschen zunehmend als individuelle Persönlichkeit einbringen, entfalten und dafür anerkannt werden. Das sind Kernversprechen und das sind Chancen von New Work.

Warum ist New Work so erfolgreich?

Den Begriff und das Konzept von „New Work“ hat der Philosoph Frithjof Berman bereits vor einigen Jahrzehnten entwickelt. Das ist außergewöhnlich. Die meisten philosophischen Konzepte verschwinden in der Schublade. Warum nicht dieses?

„New Work“ konnte auch deshalb ein verbreitetes Leitbild werden, weil es in unseren Zeitgeist passt. Die 68er markierten den Übergang in die Spätmoderne. Als wichtigstes Kennzeichen dieser Epoche analysiert der Soziologe Andreas Reckwitz den Wechsel von einer „Logik des Allgemeinen“ zu einer „Logik des Besonderen“. Menschen wollen immer weniger allgemeine Rollen einnehmen, sondern einen besonderen Lebensweg beschreiten. Ein Ziel ist es, Selbstverwirklichung und bürgerliche Sicherheit zusammenzubringen. Authentische Entfaltung innerhalb der Gesellschaft wird zum Ideal. Hier passen die Versprechen von New Work perfekt rein.

Digitalisierung als Treiber

Nicht nur der gesellschaftliche, auch der technologische Wandel unterstützt den Trend. Denn mit der Digitalisierung ändert sich Wertschöpfung. Es werden neue Wege erschlossen, Geld zu verdienen. Während man früher nur mit Fabriken reich werden konnte, reicht heute eine geniale Idee, ein begeistertes Team, viel Kaffee und ein paar Laptops – so die Erzählung. Und manchmal wird sie zur Realität. Diese veränderte Wertschöpfung beeinflusst auch den Charakter von Arbeit.

Kehrseiten des Trends

Wenn die Versprechen von New Work eingelöst werden, dann ist das tatsächlich ein Fortschritt. Allerdings schleichen sich durch die Hintertür neue Zwänge ein, welche die wichtigen Grundgedanken manchmal untergraben. Zwar werden autoritäre 50er-Jahre-Chefs immer weniger, aber die freiwillige Selbstausbeutung nimmt zu. Unternehmen präsentieren sich als „Familien“ – das kann einen diffusen Gruppendruck erzeugen. Und die Verheißung sinnvoller Arbeit wird an manchen Stellen benutzt, um geringere Gehälter zu zahlen. Wo Licht ist, sind auch Schattenseiten nicht fern.

Daher muss New Work bewusst gestaltet werden. Turnschuhe im Büro und kurzweilige Workshops machen allein keinen Paradigmenwechsel. Wir müssen uns grundlegender fragen, wie wir Arbeit im 21. Jahrhundert gestalten wollen – und was wir überhaupt unter Arbeit verstehen. Zu einem solchen Gespräch beizutragen, das ist eine Aufgabe der Philosophie.

Gespräche und Aufsätze

  • ‚Mit New Work in eine bessere Arbeitswelt?‘, zweiteiliges Seminar für Deutscher Industrie- und Handelskammertag/Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Online, 27./29.10.2020. (LINK)
  • ‚New Work aus philosophischer Perspektive‘, Vortrag für RheinLand Versicherungs AG, Online, 18.11.2020.
  • ‚New Work – Neue Machstrukturen?‘, Kuration und Podiumsgespräch der Veranstaltungsreihe Netzdialoge! Philosophie des Digitalen, Berlin, 04.12.2019. (LINK)
  • ‚Unternehmensstrategie: Reine Gewinnmaximierung, ein Auslaufmodell‘, Gastbeitrag in: Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 13.09.2019. (LINK)
  • ‚Making futures – what we can learn from artists‘, Vortrag auf Speculative World of Work, WeWork, Berlin, 11.12.2019.
  • ‚Kompetenzen für das digitale Zeitalter‘, Vortrag auf Studientag der Linden-Grundschule, Berlin, 10.03.2020.
  • ‚Bildung für eine sozial-ökologische Digitalisierung‘, Keynote-Vortrag und anschließender Workshop auf Schulleitungstagung: Schule im digitalen Zeitalter – Chance, Herausforderung, Verantwortung, Hubertusstock, 24.09.19.
  • ‚Du oder Es? Wenn Mensch und Maschine sich näherkommen‘, Keynote-Vortrag auf Vision 20XX (ausgerichtet von Enghouse Interactive), Leipzig, 12.09.19. (LINK)
  • ‚Is the future of work a future of no work?’, Vortrag auf Q Berlin Questions, Berlin, 20.10.2017.